Weihnachten im Schuhkarton

Weihnachtswichtel 2016


Zehn Freiwillige wuseln aufgeregt zwischen 47 Schachteln herum. Jeder hat eine Liste, jeder weiß, welches Projekt er vorzubereiten hat. Weihnachtsmusik im Hintergrund, ein paar Kekse und Wasser in einer Ecke. Erzählungen vom Advent, wer macht was mit den Kindern in der Vorweihnachtszeit und immer wieder Zurufe „Mädchen 14-17 Casa Cristina zu mir!“, „Mir fehlen noch 3 Jungs 3-6 für die Farm!“,, „Achtung Karton von oben!“ „Wer hat den Cutter?!“ Viel Lachen, viel durcheinander Reden. Ich genieße die Stimmung und bin gefangen in der Vorfreude in Gedanken an den Heiligabend. Die Eingangstüre haben wir abgesperrt, damit keine KlientInnen hereinkommen. Diese sind natürlich immer sehr neugierig, wenn es um Geschenke geht. Aber es soll ja auch ihre Überraschung sein am Heiligabend. Plötzlich wird die Tür aufgesperrt. Unsere junge deutsche Ärztin und Psychiaterin der Notschlafstelle kommt herein. Sie hat Marcel dabei. Marcel ist Mitte zwanzig, HIV-positiv, schwer drogenabhängig und immer wieder rückfällig. Die letzte Monate war er allerdings stabil und bei uns im Küchenteam des Tagesprogramms dabei, hat sich gut entwickelt, beständig am Akupunktur- und Therapieprogramm unserer Ärztin mitgemacht. Ich gehe zur Tür: „Hallo ihr zwei, wie geht’s?“ Angela, unsere Ärztin wirft mir einen vielsagenden Blick zu, ich verstehe: Sie weiß, dass hier momentan keiner rein sollte, aber ich verstehe auch: Marcel darf jetzt nicht weggeschickt werden. Er sagt: „Schlecht geht’s mir.“ Er schaut weg. Verständlich. Es ist Vorweihnachtszeit. Für viele unserer KlientInnen, die obdachlos sind, die schwierigste Zeit. Keine Familie, keine Chance auf Arbeit für HIV-Positive in Rumänien. Das Arbeitsgesetz aus dem Mittelalter. Nichts, auf das man sich im neuen Jahr freuen könnte.
Und für unsere Psychiaterin oftmals eine verzweifelte Situation. Aber sie wirkt Wunder. Unzählige haben es dank ihrer Hilfe und der Hilfe des Teams trotzdem geschafft stabil zu bleiben. Und jedes Mal, wenn jemand wieder auf die Straße geht, nach wochen- und monatelanger investierter Arbeit, ist es für unser Team ein Rückschlag, eine Ohrfeige ins Gesicht, ein mit Trauer und ab und zu Wut erfülltes Ereignis. Ab und zu passiert es nach einem Vorfall, öfter aber ohne ersichtlichen Grund. Einfach so.

Ich halte gerade mehrere Tafeln Schokolade in der Hand. Marcel kann weder lesen noch schreiben, er wird uns bei der Verteilung nur bedingt helfen können, aber..... Er kann zählen! Kurzerhand drücke ich ihm die Schokoladen in die Hand und scherze: „Kannst du auf 1.500 zählen? Wir haben unendlich viel Schokolade.“ Er lacht. Ich bitte ihn alle Kartons auf Schokolade zu überprüfen und diese schön säuberlich in einen Karton zu packen. Bald stellt sich heraus: Er kann nur auf 20 zählen, aber er weiß sich zu helfen. Ich gebe ihm einen Zettel und nach jeder zwanzigsten Schokolade macht er einen Strich darauf. In kurzer Zeit ist er mittendrin im Getümmel. Ich liebe unsere VolontärInnen. Sie fragen nicht, sie haben es sofort verstanden. Die Sprache wird automatisch von Deutsch auf Rumänisch gewechselt, damit auch Marcel was versteht und mitlachen kann. Wer ab jetzt Schokolade findet, ruft: „Marcel, Schokolade für dich!“ Keiner beklagt sich, dass er sich in dem winzigen Raum ausgerechnet in der Mitte ausgebreitet hat und jeder über ihn drüber- und um ihn herumsteigen muss, um die Pakete zu verteilen. Er hat seine eigene Logik. Und er hilft uns. Wie ein Wiesel hüpft er durchs Zimmer. Bald schon ist der erste Karton voll. Die Freiwilligen beginnen, ihn mehr und mehr einzubinden. Er schleppt Schachteln, schneidet Kartons auf und klebt Kartons wieder zu. Erleichterung breitet sich aus. Angela, die Ärztin, lacht und hilft auch mit. Dann überlässt sie Marcel uns und kehrt ins medizinische Zimmer zurück. Beim Weggehen flüstert sie: „Danke. Genau das braucht er jetzt.“ Und dann lachend „Schau halt ein bisschen, was er mit dem Cutter noch so macht .... “  Auch ich grinse. Sie will mir damit sagen, dass er akut selbstverletzungsgefährdet ist. Aber wir beide wissen: Der Cutter wird heute ausschließlich für die Weihnachtspakete genutzt werden.
Nach zwei Stunden ist es geschafft, die Kartons sind alle sortiert, fein säuberlich wieder zugeklebt und in jeder Ecke für ein anderes Projekt vorbereitet. Alle applaudieren und lassen sich gegenseitig und die Weihnachtswichtel in Österreich hochleben. Ich schenke Marcel eine Schokolade als Dankeschön für seine Hilfe und frage ihn, ob er mir noch hilft, die Schachteln mit den Computermonitoren bei mir ins Auto zu verladen, damit ich sie direkt in unser Hauptquartier fahren kann.
Freudig packt er nochmals mit an.
Es ist bitterkalt draußen, das Thermometer steht im zweistelligen Minusbereich. Beim Auto vor der Pforte stehen schon die ersten KlientInnen der Notschlafstelle und warten, bis die Türen geöffnet werden und sie eine warme Dusche genießen können. Ganz unerwartet, verdeckt durch die Autotür, bricht Marcel in Tränen aus und fällt mir um den Hals. „Ich hatte heute was anderes vor. Ich wollte auf die Straße. Ich wollte spritzen, ich wollte vielleicht sogar Schlimmeres machen. Es hatte alles keinen Sinn mehr. Aber Angela hat gesagt, sie zeige mir etwas Schönes. Zuerst wollte ich nicht. Aber dann hat sich mich mit zu euch genommen und als ich euch sah und die ganzen Geschenke und mir vorgestellt habe, dass der Weihnachtsmann zu all unseren Kindern kommt, da wollte ich helfen.“
„Du warst heute ein Weihnachtsengel. Unser Schokoladewichtel. Dich schickte der Himmel“, sage ich zu ihm. Wir halten uns noch ein bisschen fest. Dann sagt er: „Schau mal, da warten schon so viele draußen. Ich sollte in die Küche und helfen das Abendessen vorzubereiten. Schließlich werde ich hier gebraucht.“ Er verteilt beim Hingehen die Schokolade, die er vor 10 Minuten geschenkt bekommen hat, großzügig unter den Wartenden vor der Pforte und verschwindet mit einem Lächeln im Gebäude.

Ich hole Angela ein paar Stunden später nach der Arbeit in der Notschlafstelle ab. Wir sprechen über den Tag. Sie erzählt mir, dass Marcel die Krise erstmal überstanden hat und sie guter Dinge ist, dass er auch an Weihnachten noch da sein wird.
Ein kleines großes Adventswunder. Danke euch dafür!

Cornelia Burtscher, Concordia Rumänien

Nach oben